Newsticker
Tanz mit dem Kurschatten
«Umbra
curae» entstand (fast) ohne das Wissen der drei Musikerinnen. Am Ende einer
Sitzung stand plötzlich fest: Das Toggenburg bekommt wieder ein Kurorchester.
Dieses ist kleiner als die historischen Vorbilder aus der ersten Blütezeit des
Tourismus’ im Tal. Und seine drei Mitglieder sind Frauen.
Text: Guido Berlinger-Bolt, Fotos: Guido Berlinger-Bolt, Christine Kocher
Leise rieselt draussen der Schnee. Das Appenzell
Innerrhoder Dorf Gonten liegt tief verschneit zwischen Hundwiler Höhi und
Kronberg. Nur ab und an fährt ein Auto durch den Abend in die Dunkelheit; ganz
leise und wegen des Neuschnees auf der Strasse gemächlich. Im Dorfzentrum
vernimmt man leise Musik: Hackbrett, Klavier und Violine; einen Walzer. Die
Quelle liegt hinter den Doppelfenstern des Roothuus’, des Hauses für
Appenzellische Volksmusik. Hinter der schweren Türe steigt eine steile Stiege
in den ersten Stock. In der Stube unterbrechen Barbara Kamm, Andrea Kind und
Susanne Bolt ihre Arbeit.
Die drei jungen Frauen bilden zusammen das wohl jüngste und kleinste
Kurorchester: Umbra curae – der Name ist Latein und heisst übersetzt
«Kurschatten ». Noch nicht einmal ein Jahr lang spielen sie zusammen. Zuerst
war da einfach die Idee, die Kultur des Kurorchesters wieder aufleben zu
lassen. Eine Idee, die in das Umfeld der historisch gewachsenen Tourismusregion
Toggenburg passt. Vor allem auch eine Idee, die in das Umfeld der Klangwelt
Toggenburg passt.

Susanne
Bolt, Andrea Kind und Barbara Kamm (von links) sind «Umbra curae». Das Trio
trägt Originalkleider aus der Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert.
Ihre Blüte erlebten ähnliche Formationen im Toggenburg an der Wende vom 19. ins
20. Jahrhundert. Dieser Zeit fühlen sich auch die drei Musikerinnen
verpflichtet: Barbara Kamm, Andrea Kind und Susanne Bolt spielen Musik und
tragen Kostüme aus jener Zeit.
Wie es zur Gründung des Kurorchesters kam, weiss heute niemand mehr so genau. Andrea
Kind und Susanne Bolt liessen sich zu Klangbegleiterinnen ausbilden; sie fanden
rasch einen guten Draht zueinander. Barbara Kamm und Susanne Bolt wiederum
spielten gemeinsam im Ensemble der Wattwiler Kantonsschule «il mosaico»; beide
spielen sie in traditionellen Streichmusikformationen, erste bei den
«Brandhölzlern» und zweite bei der Toggenburger Original Striichmusig. Freilich
hat auch Andrea Kind eine starke Beziehung zur traditionellen Volksmusik des
Alpsteingebiets – in der Gruppe «Anderscht» spielt sie eine etwas andere
Hackbrettmusik.
Vor der Musik der Scherenschnitt
Im letzten Februar setzten sich Barbara Kamm, Andrea Kind und Susanne Bolt zum
ersten Mal zusammen, um über einen Namen für ihre Formation nachzudenken. Wenig
später besuchten sie eine Scherenschnittkünstlerin in Zürich; die drei
Konterfeis prangen nun auf der Visitenkarte des Kurorchesters. Schatten wortwörtlich
genommen. Und als drittes ging es nach Urnäsch, zu einer Bekannten von Andrea
Kind; diese sammelt Originalgewänder aus jener Zeit. In einem Raum ihres
Hauses, erzählt Barbara Kamm, habe diese Kleiderbügel an Kleiderbügel, Kostüme
aus der Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert aufgehängt. «Jede von uns hat ihr
eines abgekauft, inklusive Hut», sagt Barbara Kamm mit einem Augenzwinkern.
Erst dann, nach der Namenssuche, nach der Gestaltung einer Visitenkarte und nach
dem Kauf historischer Kostüme, probten die drei Frauen zum ersten Mal. Barbara
Kamm lacht wieder und Susanne Bolt bestätigt die ungewöhnliche Reihenfolge.
Sogar die Zusage für ihren ersten Auftritt gaben sie, ohne je miteinander gespielt
zu haben!
Von der Vielseitigkeit der Musikerinnen profitiert das Ensemble Umbra curae, da
alle ein zweites Instrument hervorragend beherrschen. So können die drei Frauen
in ganz verschiedenen Kombinationen spielen. Und ihre Zuhörerinnen und Zuhörer
damit überraschen, bisweilen auch verwirren. Das indes ist ein Merkmal der
historischen Salon- oder Kurorchester: Die Vielfalt, die Wechsel. Umbra curae –
Kurschatten. Der einen oder dem anderen wird bei dem Namen Thomas Manns
Zauberberg in den Sinn kommen. In seinem Hauptwerk stellt Mann der Figur des
Hans Castorp einen jungen Kurschatten, Madame Clawdia Chauchat, zur Seite; die
«kirgisenäugige» Gattin eines hohen russischen Beamten, «schlaff, fiebrig und
innerlich wurmstichig ». Die Eigenschaften der drei Musikerinnen sind indes
alles andere als jene der Chauchat: Die drei sprühen vor Energie, vor allem
aber beeindrucken sie den Zuhörer im Roothuus in Gonten mit ihrem Können und
ihrer offensichtlichen Freude an der Musik. Dennoch – oder gerade deshalb,
schimmert immer wieder Schalk und Humor zwischen den Notenlinien hindurch.

Jede
Einzelne des Trios ist Meisterin auf ihrem Instrument: Susanne Bolt am Klavier,
Andrea Kind auf dem Hackbrett und Barbara Kamm auf der Geige (von links).
Allerdings traten die drei Musikerinnen noch nicht allzu oft auf; für das
Arrangieren der Stücke nahmen sich Andrea Kind und Susanne Bolt die nötige
Zeit. Im Repertoire befinden sich Walzer, Tango – und traditionelle
Schottische, Polkas, Tanzmusik, Kaffeehausmusik und Appenzeller und
Toggenburger Streichmusik.
Kurschatten bittet um einen Tanz
Barbara Kamm besorgt die Terminplanung, das Administrative, die Organisation. Für
diese Probe haben sich die drei Frauen heute in Gonten getroffen. Das hat sich
grad so ergeben; im Übrigen sind die drei Frauen in der Volksmusikszene am
Säntis längst keine unbeschriebenen Blätter mehr; das Dokumentationszentrum spielt
in dieser praktisch die Rolle einer Drehscheibe. Normalerweise spielen sie in
Andrea Kinds Haus in Sax oder in Ebnat-Kappel. Von dort stammt Barbara Kamm;
wie Susanne Bolt spielte auch sie über zehn Jahre bei «il mosaico» an der Kanti
Wattwil, verfügt also über eine solide klassische Grundausbildung an der Geige.
In der Brandhölzler Striichmusig spielt Kamm die erste Geige; immer wieder
engagiert auch sie sich projektbezogen, vor allem im klassischen Bereich.
Anders aber als ihre beiden Kolleginnen ist für Barbara Kamm die Musik nicht
auch Beruf; Barbara Kamm ist Sozialarbeiterin in Zürich und bildet sich derzeit
zur Kulturmanagerin weiter. Die ersten Auftritte von «umbra curae», erzählt sie,
seien sehr gut angekommen. «Zum einen wegen des Repertoires, sicher aber auch,
weil wir drei Frauen sind und diese Kostüme tragen.» Umbra Curae konkurrenziere
keine andere Formation, ist sie sicher: «Es sind zusätzliche Anfragen, Anlässe,
die extra für einen Auftritt von ‹umbra curae› geschaffen wurden.»
Unterhaltungsmusik für Feriengäste Neben der oben erwähnten Vielfalt der historischen
Kurorchester ist die gute Stimmung, die gediegene Atmosphäre das Hauptmerkmal
dieser Musikrichtung. Sie ist im eigentlichen Sinn Unterhaltungsmusik. Es ging
– und geht – darum, den Feriengästen einen Tanz (mit dem Kurschatten) zu
ermöglichen.

Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung Verlag Toggenburger Magazin (Ausgabe Nr. 75 - Januar/Februar 2011)
Datum: 10.01.2011 08:00




